Fortsetzungsgeschichten

Hier ist die Fortsetungsgeschichte von Merle und Anna-Katharina:

"Das Haus war wunderschön. Es war aus Holz und rot angestrichen, mit einer weißen Tür und weißen Fenstern. Mein Vater hat eAs gebaut, er war Architekt, und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sein Heim selber zu bauen. Er hat alles selber gemacht, von der Haustür bis zum Gartentisch.", Sonja lächelte in Gedanken versunken. Dann blickte sie Emma an und sagte: "Es hatte einen See, er gehörte uns, nur uns, allein uns. Wir kauften ein Boot und Dad und ich fuhren oft hinaus, um zu fischen. Eine Zeit lang hat er sich sogar einen Bart wachsen lassen, weil er meinte, nur dann wäre er ein echter Fischer", nun musste die junge Schwedin doch herzlich lachen. "Meine Mutter hat ihn aber überreden können, ihn dann doch abzurasieren. Ja, und dann kam mein fünfter Geburtstag. Ich wachte morgens auf und war unglaublich aufgeregt, wie es ein fünfjähriges Mädchen eben ist, wenn sie Geburtstag hat. Ich hatte eine leise Vorahnung, dass dieser Tag wunderschön werden würde. Ich lief hinunter ins Wohnzimmer. Meine Mutter saß auf dem Sofa und las, während mein Vater im Garten saß und über seinen Entwürfen brütete. So war das immer, es war wie ein ganz normaler Morgen, nur das auf dem Tisch ein grün verpacktes Päckchen lag. Meine Mutter sah auf, legte ihr Buch beiseite und stellte sich zu mir. Vorsichtig öffnete ich das Papier, und hervor kam ein rotes Halsband. Zuerst verstand ich nicht. Aber dann hörte ich ein leises Winseln, das aus dem Garten kam. Dort stand mein Vater, und auf seinem Arm hielt er einen kleinen Golden Retriever. Sein Fell war gold, und die Sonne schien auf sein Gesicht. Und ich nannte ihn Solskan – Sonne“ "Aber wenn das Leben dort so schön war, warum bist dann von dort weg gegangen?“ Sonja antwortete nicht, trank einen Schluck Latte Machiato und starrte zum Fenster hinaus. Dann sprach sie mit leiser Stimme: "Es ist abgebrannt. Meine Eltern hatten sich gestritten, und einen Pfanne mit Öl auf dem Herd vergessen. Sie waren im Nebenzimmer, und haben nicht gemerkt wie nach und nach die ganze Küche abbrannte. Erst als ich, die ein Stockwerk höher spielte, hinunter lief und schrie, dass es brenne, da realisierten sie das Feuer. Wir wollten
gerade hinaus laufen und die Feuerwehr rufen, da…“, mit erstickter Stimme setzte sie fort : ".. da stürzte ein brennender Balken herunter, und traf Solskan. Ich habe dort liegen sehen, tot und vom Feuer umzingelt.“ Sie atmete tief durch. Ihre Stimme zitterte als sie fortfuhr: ,, Ihr Streit muss sehr heftig gewesen sein, denn sie sprachen kein Wort mehr miteinander, und als ich meine Mutter fragte, ob sie böse aufeinander wären, da antwortete sie nur : "Schätzchen weißt du, dein Vater und ich, wir haben uns auseinander gelebt." Mein Vater fuhr zu seiner Schwester, die eine Stunde entfernt wohnte. Und ich und meine Mutter, wir zogen nach Stockholm. Und zogen in unsere jetzige Wohnung, in diesem schäbigen Plattenbau. Unser Geld war mehr als knapp, mein Vater verlor seinen Job und meine Mutter hatte so sehr mit ihrer Trennung zu kämpfen, dass sie nicht mehr dazu kam, ihre Bücher zu schreiben. Es war schrecklich für mich. Ich war auf dem Land aufgewachsen, und nun lebte ich in dieser riesigen Stadt, wo alles unbekannt und kalt war. Trotzdem… ich weiß nicht wie, aber ich habe es trotzdem geschaftt, gute Noten zu schreiben. Mein Zeugnisdurchschnitt war immer über 2,0 . ", Sonja lächelte: "Vielleicht wollte ich meinen Mitschülern beweisen, dass ich kein dummes Mädchen bin, nur weil
ich vom Land, und das ich auch noch etwas anderes kann als Kühe melken. " Als sie aufsah blickte sie in die Augen ihrer Freundin, die sowohl Mitleid als auch Bewunderung ausdrückten. Diese grinste schelmisch und sagte : "Na denen hast du`s ja gezeigt. Man, ein Stipendium für Medezin an der Stockholm University, das ist echt was. Aber du hast es ja auch verdient! " "Ja.. ", Sonja hing immer noch den Geschehnissen der Vergangenheit nach., "Ich bin dort mit Dad noch einmal hingefahren, ein halbes Jahr nach dem Brand, an dem einzigen Besuch bei ihm und meiner Tante. Und als wir zu der Feuerstelle kamen, da stand mitten in dem Schutt und der Asche.. ein kleiner Blumentopf mit Zitronengras. Ich weiß, es klingt verrückt, aber diese Pflanze, ich habe sie einige Tage vor dem Brand gekauft, und es war das einzige, was überlebt hat. Wir haben daran gerochen. Das Gras hatte bereits etwas von dem Geruch der Kohle angenommen. Weißt du..", Sonja blickte Emma an , "Das ist ein ganz besonderer Geruch, der intensive Geruch der Kohle und dazwischen das erfrischende Zitronengras. Mein Vater sagte zu mir : "Siehst du , auch wenn alles Leben ausgelöscht ist, es ist immer noch welches da." " Mit Tränen in den Augen sagte sie : "Er hat solche Weisheiten geliebt". Sie zwang sich zu einem hilflosen Lächeln, weil ihre beste Freundin auch aussah, als sei ihr zum Heulen zu Mute. "Und dann ist er gestorben, ein paar Monate später. Meine Mutter hat es mir gesagt. Sie sagte, es seien die Folgen des Brandes gewesen, die ihn ins Grab gebracht hätten. Den genauen Grund", die junge Frau trocknete ihre Tränen, "den genauen Grund hat sie mir bis heute nicht gesagt", sprach sie hastig zu Ende. Schnell winkte sie nach dem Kellner und zahlte. Die Beiden standen auf. Man sah auch Emma an, wie sie die ganze Geschichte mitnahm. Tröstend legte sie den Arm um Sonja´s Schulter "Das tut mir sehr leid. Das wusste ich nicht. Aber weißt du.. ich bewundere dich sehr dafür, das du es dabei noch geschafft hast, so eine gute Schülerin zu sein." Sonja lächelte dankbar. Den Rest des Weges gingen sie schweigend neben einander her. Der Verkehr lärmte und ein warmer Wind strich durch Stockholm´s Straßen. An einer großen Kreuzung verabschiedeten sie sich mit einer herzlichen Umarmung, dann gingen sie getrennte Wege. Während ihre Freundin den Weg in das Wohlhabendes Viertel der Stadt einschlug, wo große Villen und Parks waren, lief Sonja eine schäbige Straße lang, die von Tabakgeschäften und Second-Hand-Shops gesäumt war, geradewegs in das Stockholmer Armenviertel. Sie lief durch schlecht asphaltierte Straßen, von einem Plattenbau zum nächsten. Irgendwann erreichte sie ihre Wohnung, drückte die Tür unten auf und ging die Treppen hinauf. Sie würde sich hüten, den Fahrstuhl zu benutzen, denn er war viel zu alt und funktionierte nicht mehr. So ziemlich jeder im Haus war schon mal stecken geblieben. Sie ging vorbei an den alten, zerkratzen und bereits tausendmal aufgebrochenen Türen, hinauf in die oberste Etage. Sie schloss die Wohnungstür auf und trat in den engen Flur. Es fiel kaum Licht hinein. Es gab nur ein kleines Fenster, durch das Licht fiel. Die Wände waren hellgrau gestrichen und außer einer Gaderobe war in dem schmalen Raum nichts zu finden. Links bafand sich die sparsam möbilierte Küche. Die Geräte
und Arbeitsflächen waren teilweise vom Sperrmüll, teilweise provisorisch zusammengezimmert. Das Bad, rechts, war eigentlich kein Bad, es war eher eine Abstellkammer kombiniert mit einer Dusche und einer Toilette. Die Hände musste man sich in der Küche waschen. Einen Spiegel gab es auch nicht, eben so wenig wie irgendeinen Stauraum. Auf der linken Seite gab es noch zwei kleine Räume, in denen gerade genug Platz für ein Bett und eine Schrank war und neben der Küche befand sich das Wohnzimmer. Dies war der schönste Raum in der Wohnung. Er hatte ein langes Fenster bis zum Boden, das Licht hineinscheinen ließ und einen Blick nach außen gewährte. Allerdings war dieser Ausblick auch nicht besonders berauschend, denn er gab lediglich den Blick auf die weiteren Plattenbauten frei. Immerhin gab es zwei große, gemütliche braune Sessel, einen kleinen Fernseher und einen Tisch. Auf diesem stand das Telefon, sowie eine Vase mit fast verwelkten Blumen. Ein Regal, dass mit allem Möglichen voll gestopft war, wofür sonst der Platz und das Geld fehlte, stand an der Wand. Diese waren in einem verwaschenen blau gestrichen. Sonja ging in ihr Zimmer, holte ein dickes Buch hervor und begann zu lesen. Es gab noch so viel zu tun, bis in einem Monat die ersten Prüfungen geschrieben wurden. Nach einer Stunde sah sie endlich von ihrem Buch auf und ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Da blieb ihr Blick an der Parfümflasche hängen. Sie stand auf dem obersten Regalbrett, gefährlich nah am Rand. Sie hatte sie vor ungefähr einem halben Jahr bekommen, mit der Post, in einem Paket, ohne Absender, darauf stand nur in großen Druckbuchstaben : SONJA IMSET. Sie war aus feinem, dünnem Glas. Die Flasche bestand aus einem gläsernen Ring, in dem sich das Parfüm befand. Im unteren Teil des Ringes war aus grün geschliffenem Glas eine Pflanze geformt, die sich um den Glasring rankte. Sie war mit schwarzen Blumen, Noiryse, bedeckt. Auf dem Kopf der Parfümflasche befand sich der Zerstäuber aus schwarzem Satin. Sie stand auf diesem verstaubten Regalbrett inmitten von alten Büchern und vergilbten Fotos. Der Flakon wirkte darin so zerbrechlich und einfach nur fehl am Platz. Sonja legte ihre Bücher beiseite und ging zu dem Regal. Vorsichtig nahm sie das Glasfläschchen in die Hand, sie war nicht groß, sie füllte höchstens ihre Handfläche aus. Das Abendlicht fiel durch die Fenster und ließ das Zimmer alt und unbewohnt aussehen. Plötzlich fiel Sonja´s Blick auf zwei kleine Buchstaben.Sie waren rechts neben dem Zerstäuber in das Glas eingefräst. FI, stand dort zu lesen. Zuerst verstand sie nicht, doch dann kamen die Erinnerungen wieder: Filip Imset, ihr Vater. Ein Schauer lief der jungen Frau über den Rücken, ihr wurde heiß und kalt, ihr wurde schwindelig. Plötzlich hörte sie die Haustür zuschlagen. Die Studentin schaffte es gerade noch, die Parfümflasche ins das Regal zu stellen, wobei sie so viel Staub aufwirbelte,
dass sie niesen musste.Ihre Mutter betrat das Wohnzimmer. Ihre hellblonden Haare waren von grauen Strähnen durchzogen. Sie wirkte müde und ungesund, unter ihrer dünnen weißen Haut schimmerten bläulich die Adern durch. Sie hatte tiefe Augenringe. Mit ihren 46 Jahren wirkte wie eine alte Rentnerin. Ihr Job als Putzfrau war zwar nicht besonders anspruchsvoll, kostete sie aber dennoch sehr viel Kraft. Und das Geld, das sie dabei verdiente reichte gerade mal so zum Überleben. Sie stellte ihre Tasche ab und schlurfte in die Küche. Sonja wusste, heute würde es mal wieder kein Essen geben, sie würde selbst einkaufen gehen und kochen müssen. Doch heute fühlte sie sich müde und ausgelaugt. Vielleicht bekam sie auch eine Grippe. Doch im Moment hatte sie weder Zeit noch Lust etwas zu essen. Ihr geisterte nur das Bild ihres Vaters im Kopf herum und sie versuchte zu verstehen, was gerade hier passiert war. Bis vor wenigen Minuten hatte sie ihren Vater für tot gehalten, wie konnte er jetzt plötzlich leben? Sie saß ihrem braunen Sessel und sah zu, wie die Sonne hinter den grauen Wohnblöcken unterging. Die junge Frau fühlte sich verlassen und einsam. Irgendwann stand sie auf, lief durch die dunkle, kalte Wohnung. Ihre Mutter war im Schlafzimmer, wahrscheinlich schlief sie schon. Leise lief sie weiter, zurück ins Wohnzimmer. Aufmerksam ließ sie ihren Blick durch das Regal streichen. Plötzlich entdeckte sie einen Stapel Bücher, der sehr weit vorstand. Als sie diese wegräumen wollte, fiel ihr ein Foto entgegen, dass sie als kleines Kind zeigte. Sonja seufzte, wie schön und heil war die Welt damals noch gewesen. Da fiel ihr Blick auf eine alte, vergilbte Postkarte. Sie zeigte eine grüne Landschaft auf der eine Schaf(♥)sherde zu sehen war. Auf der Rückseite war zu lesen:

Liebe Sonja,
ich weiß nicht, ob du diese Karte je bekommen wirst. Wenn ja, dann wirst du dich wahrscheinlich kaum noch an mich erinnern. Das einzige, was du vielleicht noch von mir weißt ist, dass die Blume Noiryse genauso riecht wie ein Bündel Zitronengras in einem Haufen Schutt und Asche.

Sonja musste lächeln. Und ob sie das noch wusste. Dieser Geruch war das Einzige, das sich mit ihrem Vater noch verband.

Ich weiß auch nicht, was dir deine Mutter über mich erzählt hat, aber du sollst wissen, dass ich dich sehr liebe. Vielleicht besuchst du mich irgendwann mal. Die Adresse steht ja auf der Karte. Ich werde dich wahrscheinlich nicht mehr erkennen, aber wenn du das Parfüm trägst, werde ich es unter Tausenden erkennen.
In Liebe
Dein Vater

Ihre Augen brannten, eine Träne lief ihre Wange hinunter, doch sonst zeigte sie keine Regung. Sie saß wie erstarrt in ihrem Sessel und in ihrer Hand hielt sie die Postkarte. Ihre Augen wanderten hinunter zum Absender der Karte.
Irland,den 26.Juli. 2010, llllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll Die restliche Schrift war nicht zu erkennen. Die junge Frau runzelte die Stirn. Der wichtigste Teil des Briefes war unlesbar. Also stand sie auf, wählte die Nummer der Auskunft und erkundigte sich nach der Adresse eines gewissen Filip Imset. Man nannte ihr eine Adresse in Searched Village, einem kleinen Dorf im Süden Irlands.
Sie schrieb die Adresse auf einen Zettel und steckte ihn ein. Am nächsten Morgen stand sie früh auf und machte sich auf den Weg zu Emma´s Haus. Dort angekommen klingelte sie. Lange tat sich nichts, dann hörte man das Klacken von Absatzschuhen. Emma´s Mutter Nuria öffnete die Tür. Sie trug ein rosafarbenes Kostüm und dazu farblich passende Pumps. Ihre tiefdunkelbraunen Locken waren zu einem lockeren Dutt zusammengesteckt. Sie trug weiße Perlenohrringe und ein Perlenarmband. Ihre Haut war kaffeebraun und ihre braunen Augen leuchteten lebhaft. Mit ihrer weichen Stimme hieß sie Sonja willkommen und bat sie einzutreten. Dann schickte Emma´s Mutter ein Dienstmädchen, um nach ihrer Tochter rufen zu lassen. Die Studentin fühlte sich furchtbar fehl am Platz, so schäbig wie sie gekleidet war in ihrer einfachen Jeans und dem Kapuzenpulli. Emma hingegen kam die Treppe hinunter geschwebt in einem cremefarbenen Spitzentop und einer beigen Hosen. Darüber trug sie eine dunkelblaue Strickjacke. Ihre Haare fielen ihr offen über die Schulter. Sonja hatte das Gefühl immer kleiner zu werden. Und jetzt auch noch um Geld zu bitten…würde der jungen Schwedin unglaublich schwer fallen. Zuerst wandte sich Emma an ihre Mutter und sprach in fließendem Spanisch. Sonja verstand nur das Wort: ,, Queque“ – Kuchen. Emma sprach Schwedisch sowie auch Spanisch fließend. Ihre Mutter war Spanieren, ihr Vater Schwede. Daher kam es auch, dass Emma, anders als ihre Mutter, tiefe blaue Augen hatte. Neben dieser starken Persönlichkeit kam sich Sonja mit ihren blassblauen Augen und der hellen Haut immer krank und schwach vor.Dann bat Emma ihre Freundin sich zu setzen. Daraufhin nahm diese in einem Sessel aus schwarzem Leder Platz. ,, Nun, also was ist los? Ich wollte eigentlich gerade zur Maniküre.“ Sonja seufzte. Das war typisch Emma, sie konnte herzensgut sein, manchmal aber war sie auch berechnend und nur aufs Geld bedacht. In solchen Augenblicken dankte Sonja dem lieben Gott, dass ihre Eltern ihr beigebracht hatten, wie man mit Geld umzugehen hatte. "Ich wollte dich um einen Gefallen bitten…“, begann Sonja unsicher. ,, Jetzt rück schon raus“, antwortete ihre Freundin ruppig und betrachtete dabei ihre Fingernägel, "willst du Geld haben. Wofür?“ Nun verlor Sonja allen Mut: "Ja, wenn du mir vielleicht Geld für eine.. längere Reise geben könntest. Ich würde es dir natürlich zurück…“ "Jaja, ist ja gut. Und wofür?“Jetzt wandelte sich Sonja´s Mutlosigkeit in Wut. Musste sie sich denn so behandeln lassen? "Hör zu Emma, hör auf mit mir zu reden wie mit einem kleinen, armen Kind. Ich bin nicht gekommen um um Geld zu betteln, sondern um vernünftig mit dir zu reden“, zischte sie. Erschrocken sah ihre beste Freundin auf. Nun wurde ihr ihr Umgangston bewußt. Sie räusperte sich und setze sich gerade hin. Zum ersten Mal schien sie ihr Gespräch wirklich zu interessieren. "Entschuldige. Ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Also noch mal. Du brauchst Geld. Kein Problem. Aber für welche Reise? Letzen Monat wolltest du nicht mit nach Spanien, du Stubenhocker. Willst du jetzt ohne mich die Welt erkunden oder was?“, fragte Sonja´s Gegenüber scherzhaft. Diese rang sich ein Lächeln ab. Dann entgegnete sie, dass dies nicht der Fall, sondern das sie ihre Vater suchen wolle. Sie sengte den Blick. Einen Augenblick war es totenstill. Als Sonja ihre Blick hob, sah sie ihre Freundin mit einem Ausdruck großer Verwunderung in den Augen. "Du willst was?“, fragte diese, als habe nicht recht gehört. In diesem Moment klopfte es. Ein junges, blondes Mädchen kam herein. Sie trug ein schlichtes schwarzes Kleid. In den Händen trug sie ein Tablett aus hellem Holz. Darauf waren zwei Gedecke mit jeweils einem Stück Kuchen und einer kleinen Kanne Kaffee drapiert. Als man das Tablett vor ihr absetze, konnte Emma´s Freundin nur staunen. Der Kuchen war gar kein Kuchen, sondern ein riesiges Stück Erdbeertorte, dass mit dunkelroten Zuckerrosen verziert. Dieses Stück allein mußte ein Vermögen gekostet haben. Aber einer Anwaltskanzlei verdiente man eben das nötige Kleingeld, um sich so eine Torte leisten zu können. Sonja konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem sie Emma zum ersten Mal getroffen hatte. Es war in ihrem Lieblingskaffee gewesen. Sonja hatte einfach nur da gesessen und zum Fenster hinausgestarrt, während Emma am Nebentisch gesessen hatte und Unmengen Kuchen in sich hineingestopft hatte. Schließlich hatte sich Emma zu ihr gesetzt, und ihr ein Stück Kuchen angeboten. Da saßen zwei junge Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und erzählten sich ihre Geschichte. Emma war gerade durch eine Prüfung gerasselt und Sonja Leben ging ja sowieso den Bach runter. Das war vor einem halben Jahr gewesen. Und nun saßen sie wieder hier, aßen Torte und teilten ihre Sorgen.Einige Stunden später verließ Sonja die Haus mit mehreren Tausend Euro in der Tasche. Von dort aus ging sie Supermarkt und kaufte alles ein, was man für eine Reise braucht. Tief in der Nacht kehrte sie nach Hause zurück, suchte einen Koffer raus, packte alles zusammen. Zwei Stunden später saß sie schon im Taxi auf dem Weg zum Stockholmer Flughafen. Das einzige, was sie zurückließ war ein weißer Umschlag auf dem Wohnzimmertisch. Um vier Uhr in der Nacht erreichte sie den Flughafen. Am Schalter fragte sie nach einem Flugticket nach Irland´s Hauptstadt. Von dort aus wollte sie mit dem Taxi weiterreisen. Wie sich aber herausstellte flog das nächste Flugzeug erst um 8 Uhr morgens nach Dublin. Also beschloß Sonja, die restliche Zeit zu nutzen, um etwas zu essen und schon mal ihre nächsten Schritte zu überlegen. Was würde sie tun, wenn sie bei ihrem Vater angekommen war? Würde er sie überhaupt wiedererkennen? Mit all diesen Dingen plagte sie sich herum, während sie in einem kleinen Kaffee am Flughafen saß, ihren Kaffeebecher umklammert und einen Teller mit einem Sandwich neben sich.Pünktlich um acht Uhr saß die junge Frau dann im Flugzeug und flog der Sonne entgegen. Sie tauchte alles in ein orange-rotes Licht und ließ die Welt unproblematisch und wunderschön aussehen. Als sie über das Meer flogen verlor sich Sonja in dem unendlichen blau des Wassers. Die Wolken zogen wie Sahnehäubchen an ihr vorbei. Sie fühlte sich frei, war froh, Stockholm und damit ihre Vergangenheit zurück lassen zu können. So schnell würde sie nicht zurückkehren. Erst als sie wieder auf den Boden zurückkehrte, wurde ihr bewußt, was sie da getan hatte. Eben noch hatte sie sich frei gefühlt, nun merkte sie, wie ihr alles über den Kopf wuchs. Irgendwie orderte sie ein Taxi. Da der Fahrer nicht wußte, wo sich das gesuchte ,, Searched Village“ befand nannte Sonja ihm die ungefähre Richtung und der Mann fuhr sie in die nächst größte Stadt. Nach drei Stunden Autofahrt und mehrere hundert Euro später stand die Reisende auf dem Marktplatz einer kleinen irischen Stadt. Hilfesuchend sah sie sich um. Ihr Blick fiel auf einen Bäckerei. Sie beschloß, erstmal etwas zu essen. Also kaufte sie sich zwei belegte Brötchen, die sie erst einmal in aller Ruhe verzehrte. Dabei sah sie sich auf dem Platz um. Er war mit Kopfstein gepflastert. Markstände waren aufgebaut. Die Verkäuferinnen trugen lange Kleider aus einfachen, rauen Stoffen. Ihre Haare waren hoch gesteckt. Sonja, die schon so lange in der Großstadt lebte, fühlte sich an ihre Kindheit erinnert, als sie in ihrem kleinen Dorf lebten und sie noch nichts von den Gefahren der Welt wußte. Doch nun mußte sie erst einmal gucken, wie sie nach Searched Village kam. Sie erkundigte sich bei einer der Marktfrauen und nach einigen Missverständnissen erfuhr sie, dass man nur durch einen Feldweg in das kleine Dorf gelangen konnte. Die Frau erklärte ihr den Weg und wenig später zog die Schwedin ihren Koffer hinter sich her durch den staubigen Weg. Eine halbe Stunde später erreichte sie eine Straße und folgte ihr, bis sie schließlich einen kleinen Platz erreichte. Dieser war von kleinen, bunten Häusern umrahmt, jede Haustür hatte eine andere Farbe. Doch dann fiel ihr Blick auf ein Haus, dessen Tür schwarz war. Die Wände waren in einem dunklen grau gestrichen. Es paßte überhaupt in diese Reihe bunter Türen, hinter denen anscheinend glückliche Menschen lebten. Jetzt fiel ihr erst auf, wie verlassen der Platz war. Ein eisiger Wind strich über die Ebene und außer dem Zwitschern der Vogel war nichts zu hören. Wieder wandte sie sich den Häusern zu. Sie schienen die einzigen in diesem Kaff zu sein. Doch irgendwie machte sie bei näherem Hinsehen auf Sonja einen unbewohnten Eindruck. Sie lehnte ihren Koffer gegen das Geländer der Treppe, welche eine Ebene hinauf zu den Häusern führte.
Näher sah sie sich das erste Haus an. Es hatte weder einen Briefkasten noch ein Klingelschild. Die Tür stand offen. Als die junge Frau eintrat, registrierte sie den leer geräumten Raum. Die Bewohner waren also ausgezogen. Mit den anderen Häusern verhielt es sich ähnlich. Und gerade als Sonja schon der Mut verließ und sie sich sagte, dass sie ihren Vater nun nie finden würde, fiel ihr Blick wieder auf das graue Haus. Irgendwie fürchtete sie sich vor dem düsteren Gebäude. Doch dieser Furcht trotzend näherte sie sich der dunklen Tür. Als sie Hand auf die Klinke legte mußte sie fast ein wenig lachen. ,, Wahrscheinlich“, dachte sie sich im Stillen, ,, ist dieses Haus wie alle Anderen auch.“ Doch um so überraschter war sie, als sie bemerkte, dass die Haustür abgeschlossen war. Erstaunt trat Sonja einen Schritt zurück. Da erst bemerkte sie die Klingel neben der Tür. Nun doch etwas verunsichert drückte sie auf den Knopf. Ein kurzes Schrillen ertönte. Dann geschah lange Zeit nichts. War das Haus etwa doch ohne Besitzer? Gerade als sie noch einmal klingeln wollte, hörte sie ein Schlurfen. Dann erschien ein Schatten an der Tür und eine raue, alte Männerstimme fragte: ,, Ich kaufe nichts. Verschwinden Sie. Ich will niemanden mehr sehen.“ Sonja runzelte besorgt die Stirn. Was war das für ein Mann, der so abweisend war und noch nicht einmal die Tür öffnete. Doch trotz dieses Empfangs versuchte sie ihren Ärger zu unterdrücken und antwortete betont freundlich: ,, Ich möchte nichts verkaufen. Ich möchte ihnen nur ein paar Fragen stellen. Es ist wichtig!“ Auf der anderen Seite der Tür war ein freudloses Lachen zu hören. Es klang verbittert und unfreundlich. ,, Fragen!“, der alte Mann schnaufte: ,, Was meinen sie, wie viele Fragen ich mir in den letzen Jahren gestellt habe. Nein, ich habe genug von der Antwortsucherei. Gehen Sie.“ Der Mann schien schon sehr verwirrt zu sein. ,, Bitte! Lassen sie mich herein. Es geht um ihre Familie.“ Sonja hatte keinen Ausweg gesehen, als mit der Tür ins Haus zu fallen. Wenn sie Glück hatte würde das Wort ,, Familie“ bei ihrem vermeintlichen Vater Erinnerungen wecken und ihn fröhlich stimmen. Und wirklich. Die Stimme des Alten wurde weicher und sprach: ,, Also gut, wir werden sehen.“ Er klang noch verwirrter als zuvor. Doch schließlich drehte sich ein Schlüssel im Schloß und die Tür wurde langsam geöffnet. Im Schatten der Tür stand ein alter, grauhaariger Mann. Sein Haar war kurz und zerzaust, die Haut schlaff und blaß. Das einzige, was ihn etwas jünger erscheinen ließ waren seine blaß blauen Augen. Ihr Vater, soviel stand nun fest, brauchte etwas länger, um seine Tochter zu mustern. Als er in ihre Augen blickte weiteten sich seine Augen und im nächsten Moment füllten sie sich mit Tränen. Er begann zu zittern, sein tränengefüllter Blick immer noch auf die Augen seiner Tochter gerichtet. Und als eine einzelne Träne die gerunzelte Wange des alten, kleinen Mannes hinab rollte, war Sonja nicht mehr zu halten. Sie hatte das Gefühl, ihren Vater beschützen zu müssen und nahm ihn in die Arme. Zuerst zuckte der Alte etwas zurück doch dann erwiderte er ihre Umarmung. Die gichtverkrümmten Hände schloß sich um ihre Taille und der kleine Mann strich ihr übers Haar. Als sie sich aus seiner Umarmung löste, flossen den Beiden Tränen hinab. Schweigend führte sie ihr Vater durch einen dunklen Flur hinaus in einen wunderschönen Garten. Er war seit langem nicht mehr gepflegt worden, aber die junge Frau erkannte, dass er im Grunde sehr schön war. Sie saßen auf einer kleinen weißen Bank im Schatten einer Linde und schwiegen. Irgendwann begann Sonja das Gespräch: ,, Woher wußtest du, dass ich deine Tochter bin?“ Darauf hin erwiderte der alte Mann, so etwas erkenne ein Vater, erkenne sich selbst in seinem Kind. Sonja verstand: Ihr Vater erinnerte sich nach so vielen Jahren immer noch an sie. Doch dann begann der Alte zu erzählen, er berichtete von Reisen und Erlebnissen mit Sonja von der diese selber nichts wußte. Er beschrieb ihre Hochzeit und seine Tochter bekam es mit der Angst zu tun. Was war los mit ihm? "Ist er verrücktgeworden, in diesen Jahren der Einsamkeit?“ Doch schon bald erkannte sie eine Demenz hinter der Verwirrtheit ihres Vaters. Gegen Abend erinnerte sich Sonja an ihren Koffer draußen an der Treppe, holte ihn herein. Filip zeigte ihr ein kleines Zimmer und erklärte, er wolle nun schlafen gehen, aber Sonja könne sich selbstverständlich bedienen und solle sich ganz zu Hause fühlen. Als er den Raum verließ setzte sich Sonja auf die Bettkante. "Zu Hause…“, dachte sie sich: "Was machte ihre Mutter wohl gerade?“ Sie beschloß, morgen dort anzurufen und mit ihrer Mutter zu sprechen. In dieser Nacht schlief sie schlecht, zu aufregend war dieser Tag gewesen, zu neu war diese Umgebung. In den frühen Morgenstunden stand sie auf, duschte und zog sich an. Dann begann sie aufzuräumen. Die gesamte Wohnung war zu gemüllt.

Bald gehts weiter..

Von nun an schrubbte sie Tische, wusch Decken und putzte Fliesen und Holzböden. Auch wenn es eine harte Arbeit, im Gegensatz zu ihrer früheren schweren Arbeit während des Studiums war, schien ihr diese Arbeit etwas Befreiendes und Erfüllendes zu haben. Der Schnee fiel und schmolz und die Jahre flossen dahin. Das Haus erstrahlte im Glanz aller Jahreszeiten. Sonja und ihr Vater lebten dort allein, doch waren sie nie einsam. Sie lernten einander zu kennen und zu respektieren, doch in manchen Situationen stießen sie auf schmerzliche Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit und wandten sich schnell einem anderen Thema zu. Ihr Leben lebten sie in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit.
Doch irgendwann verdunkelte eine dicke Wolkenschicht den strahlend blauen Himmel. Eines stürmischen Oktobermorgens fuhr ein langer Wagen vor dem Haus vor. Man trug jemanden auf einer Trage hinaus. In der Tür stand eine Frau mittleren Alters in ein schwarzes Strickkleid gehüllt. Eine Beerdigung gab es nicht. Sonja füllte die Asche in einen Topf und stelle ihn draußen auf die Stufen des Hauses. Die Überreste des Mannes, den sie nur kurz kennengelernt hatte, verflogen im Wind. Er trug ihn überall dorthin, wo er sich es immer gewünscht hatte. Zu seiner Frau, zu dem Haus, wo sie zusammen gelebt hatten. Doch wo zwischen der Schutt und Asche noch eine Pflanze stand. Sie roch nach Asche und Zitronengras. Und sie war das einzige, dass in dem Meer von Trauer und Zerstörung überlebt hatte. Auf dem Topf klebte ein Zettel. Mit krakeliger Kinderschrift stand darauf „Sonja Imset“.